Seit 1997 bin ich durch eine Rückenmarksblutung querschnittgelähmt und Rollstuhlnutzerin. Dies hat mein Leben, obwohl das für viele erstaunlich klingen mag, in vielen Bereichen auch positiv verändert. Ich habe bis dahin ungeahnte Stärken in mir entdeckt. Eine davon ist der Sport!
Das Handbiken entdeckte ich zunächst als reine Freizeitbeschäftigung, um auch mal mit Freunden eine Fahrradtour unternehmen zu können. Handbiken ist, wie man sich durch den Namen fast denken kann, ein bisschen wie Radfahren mit den Armen. Statt der Tretkurbeln wird durch kurbeln mit den Armen über eine Kette das Bike voran getrieben. Das Handbike als Sportgerät ist tief am Boden und hat für einige etwas Ähnlichkeit mit einem Liegerad. Sportlich konzentriere ich mich inzwischen ganz auf das Handbiken und nehme von April bis Oktober monatlich an mehreren Rennen teil.
Vergangenen Winter fasste ich den Entschluss, 2006 nach meinem Studium am Sadlers Ultra Challenge teilzunehmen. Die Veranstalter übertreiben nicht, wenn sie den Ultra Challenge als "Race of Lifetime" bezeichnen. Von allen Kontinenten kommen Teilnehmer zu diesem angeblich härtesten und längsten Handbike- und Rollstuhlrennen der Welt (276 Miles, 426km) von Fairbanks nach Anchorage. Lange Anstiege, Gegenwind, das Wetter und auch die Straßen- bzw. Asphaltqualität verlangen Sportlern und Material eine Menge ab. Mit meiner Teilnahme habe ich etwas besonderes geschafft: ich war die erste Europäerin am Start. Die Teilnahme am Sadlers Ultra Challenge war für mich überwiegend und mit allem drum und dran eine Mutprobe, die zu bestehen mir jetzt jede Menge neue Power gibt.
Warum ausgerechnet Alaska?
Diese Frage bekam ich in letzter Zeit häufig gestellt und ich habe sie mir auch schon oft selbst gestellt. Nach wie vor fällt es mir schwer eine alles umfassende, passende Antwort zu formulieren. Eines weiß ich jedoch: ich bin froh es gemacht zu haben! Das Land, die Bewohner, die Möglichkeiten für Rollstuhlfahrer, das Klima, das Rennen und die Teilnehmer- alles zusammen war/ist eine großartige Erfahrung..
Beim Anflug auf Anchorage wurde beim Blick aus dem Flugzeug schon deutlich, was ich vorher nur gelesen hatte. Alaska ist sehr groß und hat faszinierend viel „Weite“. Es ist so, wie ich es zu einem späteren Zeitpunkt auf einer Postkarte las: in Alaska ist alles ein bisschen größer. Bei der Vorstellung diese Straßen bald mit dem Bike zu befahren, schlich sich bei mir ein mulmiges Gefühl ein. Im Rennen waren die Straßen dann oft tatsächlich genauso endlos, wie sie auch von oben aussahen. In Alaska ist der Sadlers Ultra Challenge ein bekanntes Ereignis - viele Menschen sind über das Rennen informiert und man wird oft angesprochen, ob man Teilnehmer ist. Überall trifft man auf Begeisterung und Hilfsbereitschaft. Si hatte ich das Glück gleich im Flughafen einen ehemaligen Volunteer (Freiwilligen) des Rennens zu treffen, der mir anbot mein Bike mit seinem Pick up in das Hotel zu fahren. Die erste Herausforderung, allein mit Bike zu fliegen und komplett im Hotel anzukommen, war bestanden!
Letztlich war es sehr gut, dass man sich so früh für die Teilnahme bewerben musste (aber auch Spätmelder bekommen oft noch einen Platz). Je näher der Termin kam, desto mehr verließ mich mein Mut und ich stellte mir selbst die eingangs bereits erwähnte Frage, die ich in den nächsten Tagen noch so oft gestellt bekommen sollte „warum?“ Ein Tag vor meinem Abflug wurde das Streckenprofil ins Internet gestellt und ich war wirklich entsetzt. Ich machte mir selbst Mut, dass es ja meistens nicht so schlimm ist, wie es aussieht. Doch diesmal war das Streckenprofil genauso anspruchsvoll wie es aussah, zumindest für mich, die ich vor steilen Berganstiegen so viel Respekt habe.
Längst nicht ganz Alaska ist im ständigen Winter. Ich habe sogar die Sonnencreme gebraucht, und 30° sind im Sommer keine Seltenheit. Alaska ist 1,7 Mio. km² groß. Gletscher sind in den Bergen Süd- und Südost-Alaskas zu bestaunen, die Eisbären leben in der Packeiszone der Polarmeerküste im Norden und dazwischen gibt es eine atemberaubend, vielfältige Landschaft. Im Sommer wird es in Alaska fast gar nicht dunkel. Um Mitternacht ist es immer noch taghell, was sich in der beeindruckenden Vegetation widerspiegelt.
Von den Tieren Alaskas habe ich auf einer Gletschertour ein paar Tage nach dem Rennen einen Wal gesehen und auch ein paar Puffins (Papageitaucher) flogen um das Boot. Bei dieser Tour konnten wir vom sicheren Boot aus an Land einen (Schwarz-)Bären beobachten. An der Rennstrecke hatte einer der Volunteers ebenfalls einen Bären gesehen und ab dann fuhr ein Begleitauto immer hupend die Straße auf und ab, damit es zu keiner Begegnung zwischen Bär und Racer kam. Zu einer weiteren Begegnung der Racer mit den Tieren Alaska kam es als ein Elch die Straße kreuzt. Diese Begegnungen blieben aber alle ohne Auswirkungen. Ich traf einen kleinen Elch bei einer reinen Ausflugsfahrt ein paar Tage vor dem Start des Rennens direkt neben dem Weg. Als ich feststellte, dass der Elch scheinbar genauso neugierig auf mich war wie ich auf ihn fuhr ich lieber, ohne ein Foto zu machen, zügig weiter. Sicher ist sicher. Die aggressivsten der Tiere in Alaska scheinen mir aber die Moskitos zu sein. Ohne Moskitoschutz fallen die Viecher gnadenlos über jeden her und ich habe deutlich gemerkt, wenn mein Sprühschutz nach ein paar Stunden nachließ.
Die ersten zwei Tage waren, wie von den erfahrenen Teilnehmern bereits vorab angekündigt, die Schlimmsten. Am zweiten Tag schüttete es zusätzlich am Start wie aus Kübeln. Später regnete es nur noch und wenn es zwischendurch aufhörte, hatten wir alle mit dem heftigsten Gegenwind zu kämpfen. Für mich waren es die härtesten Bedingungen, bei denen ich bisher gefahren bin. Die ganze Zeit fragte ich mich, wie andere Teilnehmer eine solche Strapaze freiwillig ein zweites Mal oder gar noch öfter auf sich nehmen konnten? Als an diesem Tag das wohl zur Motivation aufgestellte Schild „10 Miles to finish“ und später auch noch „1 Mile to finish!“ auftauchte war ich jeweils dem Aufgeben nahe, weil ich mich dem Ziel viel näher hoffte. Außerdem war ich (wie so oft) an beiden Tagen am Start zu langsam, sodass ich zwar ein paar Männer einholte (und überholte!), aber hauptsächlich alleine fuhr. Dies änderte sich glücklicherweise in den nächsten Tagen. Gerade auf diesen langen Straßen in Alaska und auch mit dem Gegenwind ist das Fahren in einer Gruppe, im Vergleich zum allein fahren, ein riesiger Vorteil.
Das Rennen ist großartig organisiert. Jeder Racer bekommt ein Begleitfahrzeug und jeweils zwei Volunteers (Freiwillige), die ihn unterstützen und während des Rennens auf den öffentlichen Straßen und Highways von hinten mit dem Begleitfahrzeug schützen. Mit „meinen“ beiden Frauen Wendy und Verena hatte ich echtes Glück und wir sind schnell ein echtes Team gewesen! Die Strecken waren alle geteert, wobei man auf ein paar Schlaglöcher achten musste.
Am vierten Tag bin ich in einer Dreier-Gruppe mit der späteren Zweitplazierten Cheri Blauwet gefahren, die mir an diesem Tag nicht davon fahren konnte und das tat meinem „Handbike-Ego“ schon sehr gut. Insgesamt bin ich dritte geworden. Natürlich ist eine Platzierung und Erste/r sein sehr schön, aber darauf kommt es beim Sadlers Ultra Challenge nicht so stark an wie bei anderen Rennen. Das dabei sein und ankommen ist das wirklich Ausschlaggebende und so wird auch noch der Letzte im Ziel von jedem (auch dem Ersten) verdientermaßen bejubelt. Aber die Gewinner verdienen natürlich besonders ihre Erwähnung: Bei den Frauen siegte Monica Bascio aus den USA, wie auch in den vier Jahren zuvor. Bei den Männern lag in der Gruppe C Alejandro Albor aus den USA ganz vorn und in der Gruppe B gewann Peer Bartels aus Deutschland zum zweiten Mal. Im Rennrollstuhl waren vier Teilnehmer am Start und Paul Nunnari aus Australien sicherte sich den ersten Platz.
Während der Renn-Woche wurde ich von einem Fernsehteam interviewt und bekam auch die Frage gestellt, ob ich nächstes Jahr wieder kommen würde und mein „vielleicht, ich werde es versuchen“ war tatsächlich ehrlich gemeint! Das Rennen wurde nicht wesentlich einfacher nach dem zweiten Tag, aber inzwischen waren wir alle zu einer Gemeinschaft geworden und die Atmosphäre des Rennes ist nicht zu beschreiben. Trotz der Strapazen verstehe ich nun sehr gut, dass einige Teilnehmer (übrigens auch einige Volunteers) immer wieder kommen. Manche Dinge muss man erleben um sie verstehen zu können!