Mutter sein mit Lernschwierigkeiten

Petra Groß, Mitarbeiterin beim Netzwerk People First Deutschland e. V. wünscht sich, dass es für Eltern mit Lernschwierigkeiten bessere Hilfen geben würde.

Für mich war eigentlich immer klar, dass ich trotz meiner Lernschwierigkeit einmal ein Kind haben wollte. Meine Eltern und Geschwister sagten mir, dass das noch Zeit hätte und dass ich damit noch warten soll. Sie haben nie gesagt, dass ich wegen meiner Behinderung kein Kind bekommen sollte. Darüber habe ich mich gefreut und es hat mir Mut gemacht. 

Dass ich allerdings mit 18 schon schwanger wurde, war auch von mir nicht geplant. In dieser Zeit war ich in Kur in Neustadt an der Saale gewesen. Da haben die Ärzte und Schwestern mich gefragt, ob ich heimlich essen würde, weil ich immer dicker wurde. Dann musste ich mich untersuchen lassen und beim Ultraschall wurde dann festgestellt, dass ich schon im 5. Monat schwanger war. Das war für mich ein großer Schock, weil mein Körper mir nicht gezeigt hat, dass ich schwanger sein könnte. Ich musste die Kur abbrechen und meine Schwester holte mich ab und wir fuhren nach Hause. 

1984 bin ich von mir aus in ein Mutter-Kind-Heim gegangen, das auch für behinderte Menschen war. Der Sozialarbeiter meiner Werkstatt für Behinderte in Hannover hatte mich auf diese Idee gebracht. Das Heim war von der Kirche und dort haben Schwestern gearbeitet. Mit den Schwestern habe ich mich gut verstanden und ich habe dort viel gelernt. 1985 habe ich dann meine Tochter bekommen und habe darin Unterstützung bekommen wie man Kinder wickelt und füttert. Viele Mütter haben ihre Kinder weg gegeben an fremde Eltern, weil sie nicht damit klar gekommen sind. Ein halbes Jahr habe ich auf meine Tochter aufgepasst und dann musste ich wieder in die Werkstatt zurück, weil mein Mutterschutz beendet war. Das fand ich nicht gut. Ich wurde auch gar nicht gefragt, ob ich auf dem freien Markt Arbeit suchen möchte. Ich hätte gerne eine Halbtagsstelle gehabt, um wenigstens den halben Tag für mein Kind Zeit zu haben. 

Während ich arbeitete, haben die Schwestern auf meine Tochter aufgepasst, was ich aber auch für mich selber nicht gut fand. Ich hätte meine Tochter lieber selber betreut oder eine Tagesmutter gehabt. 

Nach zwei Jahren bin ich dann zu meinen Eltern gezogen mit dem Kind. Da hat meine Mutter mich bei der Erziehung von Anja unterstützt bis sie 13 Jahre alt war. Damit war ich zufrieden, weil ich trotzdem noch selber Entscheidungen treffen konnte. Ich konnte mit Anja sehr viel unternehmen. Wir sind zum Beispiel in Hannover in den Zoo oder in den Heidepark Soltau gefahren. 

Als meine Tochter 14 Jahre alt war, wollte ich mit ihr in eine eigene Wohnung ziehen und sie ganz selbständig erziehen. Das wollte meine Mutter aber nicht zulassen, weil sie mir das doch nicht ganz allein zugetraut hat. Ich hätte das gerne ausprobiert, habe aber die Chance dazu nicht bekommen. Ich denke, wenn es nicht geklappt hätte, hätte man immer noch nach anderen Möglichkeiten suchen können. Zwischen meiner Mutter und mir kam es zum Streit. Sie rief das Jugendamt an und mir wurde das Sorgerecht für Anja entzogen. Erst hatte das Jugendamt das Sorgerecht und dann meine ältere Schwester. Kurz darauf zog meine Tochter dann auch zu meiner Schwester und ihrer Familie nach Braunschweig. Wenn ich das Kind besuchen wollte, musste ich vorher bei meiner Schwester anrufen und einen Termin vereinbaren. Für mich war das eine große Umstellung, weil ich Anja bisher immer um mich herum hatte. Und auf einmal war ich nur noch eine Besuchs-Mutter. Anja selbst ist gerne zu meiner Schwester gezogen und fühlt sich bis heute dort wohl. Sie ist jetzt 17 Jahre alt und ich sehe sie nur an Feiertagen oder bei Familienfesten. Ich wohne inzwischen in Kassel und bin verheiratet. 

Heute bin ich froh, dass meine Tochter bei meiner Schwester lebt. Ich verdiene nur wenig Geld und könnte meiner Tochter nicht viel bieten. Bei meiner Schwester hat sie zwei Zimmer und ein eigenes Bad und einen Computer. 

Als Anja ins Jugendlichen-Alter kam, hatte ich auch Probleme, weil sie nicht auf mich hörte. Von meiner Schwester und meinem Schwager lässt sie sich mehr sagen. 

Ich bin trotzdem traurig, dass meine Tochter nicht bei mir bleiben konnte. Ich denke, dass es anders hätte gehen können, wenn es für Eltern mit Lernschwierigkeiten bessere Hilfen geben würde. Die Unterstützung, die ich mir gewünscht hätte, würde zum Beispiel so aussehen, dass Anja Hilfe bei den Hausaufgaben bekommen hätte. Wenn ich mit ihr allein in eine Wohnung gezogen wäre, hätte ich Hilfe im Haushalt gebraucht und Unterstützung im Umgang mit Behörden. Ich hätte mir gewünscht, dass meine Eltern und das Jugendamt mir eine Chance gegeben hätten. Statt dessen wurde mir über meinen Kopf hinweg das Sorgerecht entzogen. Ich würde mir wünschen, dass man in Zukunft mit den Eltern mit Lernschwierigkeiten gemeinsam nach Lösungen sucht und die Eltern auch ernst nimmt. Denn Eltern hängen an ihren Kindern, egal, ob sie behindert sind oder nicht. Es müsste mehr Gelder und Unterstützungsdienste für Eltern mit Lernschwierigkeiten geben, damit diese bei der Erziehung ihrer Kinder wirklich mitreden können und eine echte Chance als Eltern bekommen. 

Auf dem Bild sind drei Zeichnungen: eine Frau ist schwanger, eine Frau hat ein Baby im Arm, eine Frau ist traurig.

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Kategorie: Mutterschaft und Familie